Maygeburtstag 119: Rede von Dr. Eckhard Herrel, 27.7.2005

  zurück  |  Begrüßung zum Gartenfest anlässlich des 119. Geburtstages von Ernst May (1886-1970)

Liebe Mitglieder und Freunde der ernst-may-gesellschaft,


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Dr. Eckhard Herrel

heute vor 119. Jahren wurde Ernst May in Frankfurt-Sachsenhausen in einer Villa in der Metzlerstraße 34 (das ist die Straße hinter dem Museum für Angewandte Kunst) geboren. Er war also ein echter Sachsenhäuser Bub, mit Mainwasser getauft, oder war es gar Äppelwein? Damals gab es in Sachsenhausen noch ausgedehnte Gärten und Parkanlagen. Der kleine Ernst ist also im Grünen aufgewachsen und hat seinem Vater Adam May, einem Lederfabrikanten, schon früh bei der Gartenarbeit geholfen.

Der "grüne Daumen" wurde im quasi in die Wiege gelegt. Als Sechsundsiebzigjähriger leitete er 1962 einen Vortrag zum Thema "Stadt und Kind" mit seinen eigenen Kindheitserinnerungen ein:


..."Ich hatte das große Glück in einem Hause mit Garten geboren zu werden und darin einen Großteil meiner ersten Jugend zu verbringen. Ich entsinne mich an eine große Sandkiste, die meine Eltern im Garten hatten einrichten lassen. Durch dichte Nebelvorhänge sehe ich heute noch, wie ich im Sande spielend, meine Eltern Arm in Arm im Garten spazieren gehen. Ich sehe meinen Vater, wie er mit großer Liebe den Garten pflegte, stolz Freunden seine Blumen und Früchte zeigte. Ich entsinne mich gern an warme Sommerabende, meinen Vater beim Gesang zahlreicher Amseln den Garten sprengend und glaube beinahe noch den Geruch benetzter Vegetation in meiner Nase zu verspüren."


Als Schuljunge unternahm Ernst May mit seinem Vater ausgedehnte Wanderungen durch den nahen Taunus. Nach dem Abitur wurde der 19jährige auf eine Studienreise nach England geschickt. Seine Eindrücke hielt May in seinem Skizzenblock fest. Glücklicherweise haben sich diese Skizzenbücher erhalten, so dass wir heute wissen, was ihn damals in England am meisten faszinierte: Es waren die Cottages mit ihren wunderschönen Gärten. Bei seinem zweiten Englandaufenthalt in den Jahren 1910 und 11 — da studierte er schon Architektur in München — absolvierte er ein Praktikum im Planungsbüro von Raymond Unwin. Nun war dieser Raymond Unwin nicht irgendein britischer Architekt und Stadtplaner. Vielmehr hatte Unwin, zusammen mit Parker, 1902 die erste Gartenstadt der Welt Letchworth geplant und realisiert, May war also an der Quelle dieser stadtplanerischen Neuorientierung. Er war nicht nur in die Planung von Hampstedt Heath, der im Norden von London gelegenen Gartenstadt einbezogen, er hat sogar an der Übersetzung des Hauptwerkes von Raymond Unwin "Town Planning in Practise" ins Deutsche maßgeblichen Anteil gehabt. Da hieß es dann "Grundlagen des Städtebaus".


Ich glaube, spätestens jetzt wundert sich keiner von Ihnen mehr, warum es hier in der Römerstadt soviel Grün gibt. Ich denke, den Bewohnern der Römerstadt muss ich nichts über die Qualität ihrer Siedlung erzählen. Es hieße Eulen nach Athen tragen. Vielleicht nur soviel: Die geniale Leistung von Ernst May bestand darin, die Ideale der Gartenstadtbewegung, nämlich die Einbeziehung der Natur in die Stadtplanung, mit der architektonischen Formensprache des Neuen Bauens zu verknüpfen. Über seine sonstigen Verdienste, gerade in sozialer Hinsicht will ich mich heute — trotz seines Geburtstages — nicht näher auslassen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben andere und auch ich das an anderer Stelle schon des öfteren getan und zweitens: selbst wenn ich mich nur auf die reine Aufzählung seiner Leistungen beschränken würde — wir kämen heute nicht mehr zum Feiern.


Ich habe den Fokus meiner kleinen Begrüßungsrede diesmal bewußt auf Mays Liebe zur Natur gelegt. Dieser Hausgarten, in dem wir heute seinen 119. Geburtstag feiern, soll wieder in den ursprünglichen Zustand von 1928 zurückversetzt werden, so wie ihn der von May beauftragte Gartenarchitekt Leberecht Migge geplant hatte und in der ganzen Siedlung einheitlich anlegen ließ. Dieser Gartentyp war eine Mischung aus Nutz- und Erholungsgarten.


Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich einmal bei unserem Gartenteam ganz herzlich bedanken, die aus dieser Unkrautwiese wieder einen Rasen gemacht haben und gerade jetzt in den Sommermonaten sehr intensiv mit der Gartenpflege beschäftigt sind.


Es wird in absehbarer Zeit also wieder einen Mustergarten in der Römerstadt geben, sowie es hier ein Mustersiedlungshaus mit originalen Möbeln und einer originalen Frankfurter Küche geben wird. Ich lade Sie ein, heute an einer unserer Führungen durch das Haus teilzunehmen. Um 18.30 Uhr und um 20 Uhr werden Ulrike May und ich ihnen die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchungen vorstellen. Ich kann Ihnen schon jetzt versprechen, das Haus steckt voller spannender Überraschungen.


Zunächst möchte ich Ihnen aber unser 100. Mitglied vorstellen, Ich begrüße Herrn Gerhard Kurtz ganz herzlich. Herr Kurtz ist ausgebildeter Fotograf und hat das komplette Haus vor Beginn der restauratorischen Untersuchen in dem Zustand dokumentiert, in dem wir es übernommen haben. Herr Kurtz ist dann spontan Mitglied in der ernst-may-gesellschaft geworden, als er hörte, worum es hier geht. Lieber Herr Kurtz, wir haben für Sie ein kleines Präsent vorbereitet. Ja, eigentlich sind es drei. Alle drei haben natürlich mit Ernst May zu tun.


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Gerhard Kurtz (links)*

Ich freue mich sehr, dass es uns als relativ junger Verein — wir haben uns ja erst vor gut zwei Jahren gegründet — so schnell gelungen ist, die magische Zahl von 100 Mitgliedern zu überschreiten. Inzwischen sind wir schon bei 105 Mitgliedern angelangt. Das schönste Geburtstagsgeschenk für Ernst May und die ernst-may-gesellschaft wäre natürlich, wenn wir heute im Laufe des Abends das 119. Mitglied begrüßen könnten.

 
Sollte dieser Fall eintreffen, hätten wir noch eine ganz besondere Überraschung parat. Sie finden hier überall auf den Tischen unsere Faltblätter mit Mitgliedsantrag. Sie können den Antrag auf Mitgliedschaft am Büffet abgeben, wo er sogleich registriert wird. Ich werde Sie dann im Laufe des Abends über den aktuellen Mitgliederstand informieren.


Bei allen denen, die schon Mitglied in der ernst-may-gesellschaft sind, möchte ich mich einmal mehr ganz herzlich für Ihre aktive Unterstützung bedanken. Mein besonderer Dank geht an das mittlerweile eingespielte Team unseres Veranstaltungsausschusses und natürlich an meine Kollegin und den Kollegen aus dem Vorstand, die alle zum Gelingen dieser Geburtstagsparty für Ernst May beigetragen haben.

Ihnen allen und uns wünsche ich ein schönes Fest mit interessanten Gesprächen.

Dr. Eckhard Herrel
Vorstandsvorsitzender ernst-may-gesellschaft e.v.




  zurück  |  © 2005 für alle Abbildungen: ernst-may-gesellschaft e.v. Frankfurt am Main, außer: *Julia Kroh
 
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16.3.05: Schlüssel für das ernst-may-haus in der Römerstadt wird übergeben [PDF]
30.9.04: Das Ernst May-Museum in der Römerstadt kommt [PDF]
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ernst-may-gesellschaft e.v.
ernst-may-haus
Im Burgfeld 136
D - 60439 Frankfurt am Main







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Dr. Eckhard Herrel bei der Preisüberreichung an das 100. Mitglied




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Gespräche im Garten




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Herr Frischkorn von der ABG Holding im Gespräch mit Ulrike May und Dr. Eckhard Herrel




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interessierte Besucherin
bei der Führung durch die Ausstellung und das Haus